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POWER NEVER CEDES WITHOUT A CHALLENGE


Über (Anti)Globalisierung, Bewegung und Gewalt

(im Original sind noch mehrer Kästen mit Zitaten und Infos enthalten )

(1) Überblick über die Wetterlage

"Noch herrscht der Wind von oben, es kommt der Wind von unten, und dann kommt der Sturm. So wird es sein. Wenn der Sturm nachläßt, wenn der Regen und das Feuer die Erde zur Ruhe kommen lassen, dann wird die Welt nicht mehr diese Welt sein, sondern etwas besseres!" (EZLN)

Der Wind von unten, auf globalem Maßstab, das ist der Anspruch mit dem die "Anti-Globalisierungs"-Bewegung angetreten ist. Wobei der Begriff Antiglobalisierung recht verkürzt ist, genauso wie der von NGOs geprägte Begriff der "alternativen Globalisierung". Zutreffender wäre vielleicht "globale antikapitalistische Bewegung" o.ä.. Naja. Denn wir sind nicht gegen Globalisierung, sondern gegen Imperialismus. Nicht für Nationalstaaten, sondern für globale Emanzipation...

Diese Bewegung, wie auch immer Mensch sie nun nennen will, wurde so zu einem neuen Antrieb für die Mitte der 90er doch recht schwächelnde Linke. Nach dem "Ende der Geschichte" [d.h. dem "Endsieg" des Kapitalismus] und der von Bush senior ausgerufenen "neuen Weltordnung", hat die Bewegung kapitalismuskritische Diskurse mit globalem Anspruch auch im "Herzen der Bestie" wieder in die Öffentlichkeit gebracht. –ein erster, unbestreitbarer Erfolg. Ein zweiter Erfolg ist der, auch innerhalb der Linken neue Methoden und Inhalte entwickelt zu haben...

Solche Ereignisse wie der Aufstand der Zapatistas in Mexiko, oder die ganz rezente Revolte in Argentinien dienen der Bewegung als Referenzpunkte, Projektionsflächen und Antrieb zugleich. Sie dokumentieren, daß es mit dem "Ende der Geschichte" doch nicht so weit her ist.

Jedoch ist es unablässlich, daß sich die Bewegung geeignete Perspektiven erarbeitet, beziehungsweise solche wiederentdeckt, die verschüttet wurden als die Antiglobalisierungsbewegung ihren Modeaspekt annahm. Denn ohne eine echte Perspektive jenseits der bestehenden Verhältnisse läuft sie Gefahr, schnell zu ermüden , oder aber vereinnahmt oder ins Abseits gedrängt zu werden. Der Versuchung, durch verkürzte Inhalte und opportunistische Praxis (sei es in einem sozialdemokratischen oder verbalradikalen Sinne) kurzfristig scheinbar Einfluß und Sympathie zu gewinnen, folgt meist mittel und langfristig ein Schicksal in der Bedeutungslosigkeit

Die Perspektivfrage ist auch mit der Strukturfrage verknüpft. Hier gibt es natürlich große Unterschiede, je nach den Ländern. Existiert zB. in Italien eine größere organisierte linksradikale Basis, die auch die Fähigkeit hat sich weiterzuentwickeln und stärker zu werden, fehlt diese anderswo zum größten Teil oder ganz.


Für Luxemburg gilt auf jeden Fall auch, was die "autonome lupus Gruppe" schon vor langer Zeit für Deutschland feststellte :
: "unsere Strukturen entsprechen dem eines Hobbyclubs, anstatt daß sie eine revolutionäre Perspektive haben"



(2) Über den Umgang mit den Menschen in Anzügen

Die heftige Polizeirepression hat die Bewegung nicht zerschlagen. Das Bürgerkriegsexperiment in Genua hat, genau wie zB. auch das Totalverbot in München, uns letztlich gestärkt, und hat sich in ein politisches Eigentor für die Herrschenden verwandelt.

Ein anderes Phänomen jedoch droht die Bewegung zu sedieren. Nämlich jenes der Politexperten, Bürokraten, Staatsapologeten, Medienfixierten Funktionären und andern Heuchlern. Versinnbildlicht wird jene Tendenz durch die Organisation ATTAC, an der außer dem Namen nun wirklich nichts radikales ("radikal" im Sinne von : Probleme an der Wurzel packen) dran ist.

Attac ist eine bürokratische , künstliche, linksliberale Organisation , mit als einziger richtig ausformulierter Forderung der "Tobin-Tax" 5, eines banalen keynesianistischen Rezept. Obwohl ATTAC sich bemüht, vom Image der Einpunkt-Initiative wegzukommen, ist offensichtlich dass es hier nicht mehr darum geht, aus dieser Welt jenes "besseres" zu machen, das durch den Sturm gebiert. Vielmehr soll hier die Politik und die Kämpfe befriedet werden, und ein "gebändigter" Kapitalismus im Dienste des "Bürgers" eingeführt werden. Dies unter Beibehaltung vom Staat und dem ihm zugrundeliegenden System, mit einer Simulation von Demokratie durch einige ausgewählte Kader.
(Denn die Bezeichnung "Netzwerk" ist bei ATTAC reine Augenwischerei – in der Realität werden alle bedeutenden Entscheidungen von einem übergeordneten undurchsichtigen zentralistischen Kern getroffen)

Eigentlich bräuchte uns das machtgeile ATTAC-Konzept nicht zu interessieren, denn erstens darf ja jeder denken was er will (und Pluralität an sich ist ja wünschenswert), und wer mal an einer der "großen" Stationen der Bewegung dabei war, weiß eh daß ATTAC auf der Straße ein zahlenmäßig kleiner Haufen ist, der , genau wie seine meist bis ans debile grenzend widersprüchlichen Reden und Statements, wirklich überwältigend langweilig und inhaltsleer daherkommt.

Problematisch wird das alles ab dem Punkt, wo ATTAC und seine Akolyten ein undurchsichtiges doppeltes Spiel treiben und zT. auch die Bewegung und ihre Positionen vereinnahmen wollen [bis zu dem Punkt wo sie sich selbst als Avantgarde der Bewegung oder gar als "die Bewegung an sich" zu verkaufen suchen].

Die ATTAC-Elite mit ihren Medienprofis [oft hauptamtliche NGO-und andere Funktionäre] nutzen die von anderen geschaffene Öffentlichkeit, um ihr eigenes dubioses antiemanzipatorisches Süppchen mit der Macht zu kochen. Dabei ist es ihnen leider vor allem in Mitteleuropa bereits gelungen einige Teile der Bewegung mit ihrem versöhnlerischen legalistischen Konzept für sich einzuspannen.

Diese Tendenzen werden auch vom Staat zT. unterstützt(6) , weil jener natürlich eher Interesse an einem steuerbaren Verein von bürgerbesorgten ManagerInnen hat, als an einer radikalen Bewegung

Allerdings müssen wir uns auch selbst kritisieren, daß wir es zugelassen haben. Allzulange haben wir darauf verzichtet, eigene Formen und Inhalte zu entwickeln und verbreitern, sei es weil wir dazu nicht fähig waren oder weil wir aus Opportunismus bewußt darauf verzichtet haben. Dies nun wieder aggressiver aufzunehmen, ist unsere Verantwortlichkeit. Die eigenständige anarchistische Demo in Brüssel zB. war ein herrvorragendes Beispiel das hoffen lässt ....
Denn es ist dank viel aufwendiger Arbeit und nicht wenig Blut und Schweiss gelungen, die Bewegung zu einer relevanten Kraft im politischen Diskurs zu entwickeln. Diesen Raum sollten wir nutzen, um auf eine Perspektive der Überwindung des Kapitalismus insgesamt hinzuarbeiten, anstatt ihn an einige selbsternannte Führer und Medienprofis zu verschwenden, die jegliches vitale und subversive Potential abzutöten drohen. Sei es ATTAC, professionnalistische NGOs oder populistische Parteien. (im Rahmen der Gipfelproteste in Belgien fiel mir zB. vor allem die stalinistische PTB7 mit undemokratischen und demagogischem Gehabe auf)

Das soll nicht heißen, das mensch nicht auch mit "gemäßigteren" resp. "anderen" Tendenzen zusammenwirken kann. Das sollten wir sogar nach Kräften versuchen; in einer libertären Weise kann das aber nur an der Basis funktionieren, und nicht durch Kollaboration mit den Führern. Auch den Kampf um konkrete Forderungen sollten wir nicht per se als "reformistische" Schwäche abtun (das ändert natürlich nichts daran, dass wir simplistischen Reformismus immer kritisieren müssen) . Sondern uns unter den Aspekt daran beteiligen wie darin eine weitergehenden Perspektive besteht so auf die sozialen Kämpfe und Kräfteverhältnisse in unserem Sinne einzuwirken.



(3) Über den Sturm

Denn eins sollten wir uns bewußt machen. Es waren nicht die Herren (und Damen) in teuren Anzügen in ihren Hinterstübchen, die hier einen wesentlichen Verdienst haben.

Es waren die tausenden von Menschen, die solidarisch und bewußt auf Straße gegangen sind und für eine radikal andere Welt gekämpft haben. Jene die durch zivilen Ungehorsam und direkte Aktionen den Focus der Öffentlichkeit auf den Widerstand von unten verlagert haben. Die dafür gesorgt haben, die schicke Fassade niederzureißen, die herrschende Politik anzuklagen und die Diskussionen zu prägen.

Es waren diese Aktionen, die klar zeigen daß es hier aktionsfähige und entschlossene Kräfte gibt, die nicht willens sind einen braven Dialog mit der Macht zu führen und sich mit oberflächlichen Reformen abspeisen zu lassen. Das "YA BASTA" der Zapatistas wurde hier als weltweiter Schlachtruf aufgegriffen, als glühender Wunsch, die Fesseln der alten Welt abzuschütteln. So riefen die Menschen weltweit zu einer Gegenoffensive im Namen von Freiheit, Würde und Gerechtigkeit, und nur so gelang es die herrschenden Spielregeln mit Mut und List zu durchbrechen. Das sollten wir uns immer vor Augen halten.

Oben haben wir gesagt, wir müssen diese von uns erkämpfte Öffentlichkeit und den politischen Spielraum nutzen, um eigene Position zu vermitteln und eine Perspektive zu entwickeln, die , ausgehend vom Widerstand gegen die neoliberale Globalisierung, die weltweite Überwindung des Kapitalismus insgesamt wieder - zumindest als Fernziel - auf die Tagesordnung setzt.

Bei dieser Vermittlung linksradikaler Positionen sollten wir uns auch nicht vor den herrschenden Medien fürchten. Oder besser gesagt, wir sollten die Mechanismen hinter ihnen da ausnutzen wo es uns Vorteil bringt .
Das soll nicht heißen, sich wie die NGOs der Medienlogik zu unterwerfen und sich anbiedern , noch , platt mediengeil zu werden. Aber wo wir jene Anziehungskraft , die das Spektakel des Widerstandes auf die Medien erzeugt, nutzen können, um eigene Politik zu betreiben, wäre es ein Fehler , das nicht zu tun.

Natürlich wird diese Politik immer symbolische Politik bleiben. Die Politik in den Konferenzsälen genauso wie die auf der Straße. (Und das ist auch gut so. Denn die Machtfrage können wir zum gegenwärtigen Moment noch nicht offen stellen. )
Dabei ist es eben so, daß bei den Gipfeln, die eh dahin tendieren, die Öffentlichkeit anzuziehen, wir eine sehr gute Gelegenheit dazu haben.

Eine Vorreiter-Rolle darin, diese Öffentlichkeit auszunutzen und eigene Positionen symbolisch zu vermitteln, spielten die "Tute Bianche" 9 (vor allem aus Italien). Klar gibt es auch hier viele Kritikpunkte, primär an den Gruppen selber und ihrer Praxis. Unbestreitbar ist es aber daß es an sich ein schlaues Konzept war, das nicht die alten Fehler wiederholte und sich dazu eignete, radikale Positionen zu vermitteln.
Aber auch "schwarze" Blöcke können, genauso wie viele andere Konzepte ( zB. RTS usw) , ganz nützlich sein wenn sie geschickt gehandhabt werden.

Bei allen Bedenken über "Vermittelbarkeit" sollten wir aber nicht vergessen, dass unsere Praxis nicht nur allein auf trockene , teils übertheorisierte, mediengerecht aufbereitete "Propaganda der Tat" reduziert werden kann , sondern stets auch als Abschütteln der eigenen Ketten zu begreifen ist, als eine selbstbestimmte radikale Negation des Bestehenden und ein die neue Welt fordernder "Tanz zur Musik der klirrenden Scheiben multinationaler Konzerne".

Neben der Vermittelbarkeits, resp. der Konzept-Frage gilt es, die allgemeine Ausrichtung und Strategie zu entwickeln , sowohl die Bewegung an sich wie die Gesellschaft als Ganzes betreffend. Wenn wir Theorie und Praxis ernsthaft subversiv ausrichten wollen, wird es so langsam Zeit, hier bei uns von jenen Strukturen und Formen eines modisch daherkommenden "Hobbyclubs" wegzukommen, die dazu führten daß manche Aktionen [zB. der 19 Oktober in Gent10] eher einer skurrilen Love-Parade ähneln , die an politischem Eindruck absolut nichts erreicht. Da wo diese Perspektiven bereits im Ansatz bestehen, gilt es daran arbeiten, sie zu konsolidieren. [wie es in Italien nach Genua passiert ist]

Ich denke aber , die Bewegung ist in ihrer Ausrichtung und so wie sie sich in Seattle, Prag, Genua usw.. etc. gezeigt hat, an sich auf einem richtigen Weg. Wir haben bisher fast immer der Situation angemessen gehandelt, und sollten auch in Zukunft uns weder auf eine übertriebene Militarisierung des Konfliktes zu diesem Zeitpunkt einlassen, noch auf Spaltungs und Befriedungstendenzen (neben der NGOisierung zB. auch übertriebene Karnevalisierung) reinfallen. Zuviele Bewegungen sind schon an dem einen oder dem andern gescheitert

Natürlich sollten wir die Gipfel auch weiterhin dazu nutzen, symbolische aber direkte und antilegale Politik zu betreiben; Daneben ist es aber ebenso notwendig , ausserhalb und parallel zu diesen "Happenings" andere Aktivitäten und Kämpfe "von unten" vermehrt zu intensivieren und die Dissonanzen im neoliberalen Einheitsbrei zu verbreitern und verstreuen.

Sei es der Krieg, Revolten wie jene in Argentinien, oder jetzt speziell in Luxemburg zB. die Politischen Prozesse gegen AbschiebegegnerInnen oder noch alltäglichere Dinge. Wir sollten diese Widersprüche aufgreifen und dazu nutzen, die Zersetzung des herrschenden Systems zu betreiben. Dazu gehört auch, diese Sachen als das darzustellen, was sie sind, d.h. einen politischen Prozeß nicht als peinliche Rachsucht eines Hardliners zu sehen, sondern als Bestandteil eines unmenschlichen Systems das es nicht dulden kann wenn seine Grundlagen durch zivilen Ungehorsam in Frage gestellt werden.

Bleiben die globalen langfristigen Aussichten: Hier können wir heute nicht mehr tun, als uns bemühen, unsere Ideen einer herrschaftsfreien Gesellschaft und einer selbstbestimmten Organisierung von unten zu propagieren - dies nicht nur als hübsche ferne Utopie sondern als tatsächliche Bestimmungslinie unserer Politik. Deswegen gilt es auch, diese unsere Ideen so weit es geht bereits heute unter uns zu verwirklichen. Denn es nützt nichts, auf den üblichen Demos hübsche Phrasen zu dreschen, aber nicht jene Fesseln zu entdecken, die uns im eigenen Kopf , den eigenen Gefühlen und im eigenen Alltag einschnüren....

Bei alledem kann und darf unsere Politik nie eine fertige Rezeptlösung der Probleme sein, keine der "ausgearbeiteten detaillierten Alternativen", die so gerne gefordert werden. Sondern nur Methode, wie diese und unerwartete neue Probleme überhaupt erst angegangen werden können. Anarchismus und Kommunismus in weitesten Sinne ist die Methode, soziales Leben und die zugrundeliegenden Verhältnisse so zu revolutionieren und zu gestalten, daß Alternativen gleich welcher Sorte überhaupt erst entwickelt und ausprobiert werden können. Unsere Revolution existiert nur in der Dynamik, als eine Welt der vielen Welten, nicht als einmal erreichter Status Quo.


Oder, wie einst Machno schrieb:
Der Anarchismus ist eine Lehre vom Leben in allen ihren Erscheinungsformen, des realen Lebens, das über alle künstlichen Normen hinauswächst, eines Lebens welches sich in letztere nicht hineinpressen läßt



(4) Über eine falsche Frage

Eins der großen Themen im Fahrtwasser der Bewegung ist die sog. "Gewaltfrage"

Dazu ist vorab festzustellen, daß es diese Frage nicht gibt.

Es gibt viele verschiedene Fragen, je nach Situation, keine davon kann abstrakt beantwortet werden. Eine ganz andere Frage wäre zB., was ist Gewalt eigentlich, was bedeutet der Begriff ? Ich habe viele Menschen danach gefragt, niemand konnte es mir zufriedenstellend erklären. Ich denke nicht daß ein solch schwammiger Begriff für eine seriöse politische Diskussion geeignet ist. Gerade die die am lautesten darüber schreien und dagegen polemisieren haben meist recht wenig Ahnung, wovon sie eigentlich reden

Eine wenigstens zum Teil kohärente Definition wäre zB. jene, die Gewalt auffaßt als ein Produkt, das entsteht wenn jemand zur Durchsetzung seines Willens darauf angewiesen ist, selbiges bei andern zu behindern.

Wie auch immer, der Begriff ist derart komplex und ungenau [wenn jemand ne präzise Definition kennt, nur raus damit] , daß mensch aufpassen sollte wie er gebraucht wird, und vor allem nicht auf bürgerliche und medienproduzierte Stereotypen reinzufallen.

Aktionen des politischen Widerstandes richten sich nämlich notwendigerweise gegen den Willen der Herrschenden, und spätestens wenn der Widerstand eine relevante Stärke erreicht, tritt die durch den Widerspruch im System geborene Gewalt auf die eine oder andere Art zutage. Die Gewalt an sich hat es nämlich ab dem Moment gegeben, wo es das strukturelle Spannungsfeld zwischen Herrschenden und Beherrschten gab. Widerstandsaktionen sind lediglich Punkte wo diese Gewalt sich kristallisiert. An uns liegt es, möglichst schlau damit zu agieren wo dies uns nützt, und sie in , wie zB. beim NATO-Gipfel in München, möglichst ins Leere laufen zu lassen, wo sie vor allem den Herrschenden nützen würde...

Die vielbeschworene "böse" "Gewaltspirale" ist dabei aber ein falsches Konstrukt. Klar können Widerstandsaktionen eine Eskalation bewirken (wobei Eskalation nicht immer gleichbedeutend mit "Gewalt" sein muss) , aber nicht immer zwingenderweise, wie zB. beim EU-Gipfel in Brüssel, wo der Staat aus Angst vor größeren "Ausschreitungen" darauf verzichtet hat, an der "Spirale" zu drehen.

Aber auch eine Eskalation des Konfliktes muß nicht per se negativ sein. Wenn die Entwicklung und Konstellation der gesellschaftlichen Bedingungen und Kräfte derart ist, daß eine Zuspitzung (sowohl im politischen Diskurs wie auf der Strasse) nützlich sein kann, wäre es sogar verhängnisvoll darauf zu verzichten, die Eskalation zu suchen. (so zB. bei der verpassten Gelegenheit des Doppel-Gipfel in Köln, zu dem zwar Zehntausende Menschen kamen, der aber sonst extremst verschlafen war). Wichtig ist nur, das WIR es sind, die Zeitpunkt, Charakter, Umstände und Stossrichtung der Eskalation bestimmen, dass wir unberechenbar bleiben, und stets agieren und nicht nur auf die eine oder andere Linie der Herrschenden reagieren. Umgedreht ist nämlich ebenso verhängnisvoll, den Konflikt auf einem Level zu suchen, wo er kontraproduktiv wird. Hätten wir uns zB. nach Genua auf die Logik militärischer Konfrontation eingelassen, wäre uns die politische Offensive wahrscheinlich entglitten und innerhalb kurzer Zeit die Bewegung am Ende gewesen [siehe historisches Beispiel : Ende der Startbahn –Bewegung usw]

Die platten Argumente aber, daß eine Minderheit nicht einer Mehrheit gewaltsam eine Entwicklung aufzwingen darf, daß dadurch die wahren Inhalte verdrängt werden, oder das nur dem Staat in die Hände spielt, erscheinen mir recht realitätsfremd.

Denn es ist so einfach nicht wahr. Beispiel Genua:
Danach wurde überall über die Bewegung und ihre Anliegen diskutiert, sogar im Luxemburger Fernsehen durften Linksradikale ihre Positionen vertreten. Das wäre kaum möglich gewesen, wenn der Konflikt auf niederer Intensität gelaufen wäre. Auch dem Staat hat das nicht in die Hände gespielt; Genua war ein taktisches Patt und ein strategischer Sieg für die Bewegung. Die Diskussion und die Strukturen der Linken in Italien sind nicht zerbrochen, sondern haben sich danach weiterentwickelt, für die halbfaschistische Regierung war es ein Reinfall, ausser einem Märtyrer haben sie nichts erreicht.

Das soll kein Plädoyer für unüberlegte Eskalation sein. Ganz im Gegenteil. Es gibt wie überall auch hier genügend negative Beispiele für Aktionen die unüberlegt oder schwachsinnig sind. Hirnlose PseudoMilitanz ist genauso stumpf wie hirnloser Pseudopazifismus.....

Aber Geschichte und politischer Kampf sind eine komplexe Sache. Es gibt keine einfachen und keine definitiven Antworten. Verschiedenen Aktionsformen, unabhängig von ihrer Einordnung auf einer abstrakten Gewaltachse, können manchmal unproduktiv sein, aber unter anderen Bedingungen auch begünstigend!! Was nun wann für wen nützlich sein kann, muß immer wieder neu und durchaus auch selbstkritisch analysiert, bewertet und bestimmt werden. Keine Aktion und keine Haltung existiert losgelöst von den konkreten Bedingungen und Erfahrungen. Für einfache Wahrheiten ist kein Platz.

Die falsche Gewaltfrage spielt vor allem einem in die Hände: Dem Staat. Die Taktik, Bewegungen zu spalten und zu schwächen, die einen zu befrieden und die andern in militaristischen Kleinkriegen aufzureiben –Zuckerbrot für die Einen, Peitsche für den Rest - , ist uralt. Leider gibt es in der "Antiglobalisierungsbewegung" jene bereits besprochenen recht hypokritische Gruppierungen beziehungsweise vor allem deren "Führer", die um ihre Seriosität und ihre Beliebtheitsskala besorgt sind. Jene verwechseln die konkreten Auseinandersetzungen in ihrer globalen Dimension mit dem verflachten , zum Konsum aufbereiteten, Zerrbild von Show-Politik, wie sie in den hegemonialen Medien präsentiert wird. Die staatliche Spaltungs-Strategie, die u.a. darauf abzielt, die Mehrheit der Bewegung wieder in das Prokrustesbett der herrschenden Spielregeln zu zwängen, fällt bei einer Minderheit leider teilweise schon auf entsprechend fruchtbaren Boden...


Hierzu zB. ein Zitat aus einer Studie der Schweizer Polizei über die Antiglobalisierungsbewegung :
"Den Anliegen und der Dialogbereitschaft der erklärt gewaltlosen Akteure innerhalb der Antiglobalisierungs-bewegung muß mehr Beachtung geschenkt werden." 15

Anstatt uns in langweiligen Predigten immer wieder zu unterstellen, der Polizei in die Hände zu spielen, sollten sich manche, die prinzipiellen Konfrontationsverzicht predigen, angesichts dieser erklärten Polizeistrategie doch langsam echt mal fragen, WER hier in Wirklichkeit den Bullen und dem System mindestens genauso wenn nicht noch viel mehr auf den Leim geht.....


Fazit: Es geht nicht darum, die Frage "Gewalt : Ja oder Nein" auf die eine oder die andere Art endgültig zu beantworten. Der Punkt ist, zu erkennen, daß diese Frage an sich so wie sie heute gestellt wird erstmal schwammiger spalterischer Blödsinn ist; und daß auch die Frage nach "militanten" Aktionsformen nicht in von den konkreten Bedingungen losgelösten simplistischen bis absurden Pauschalisierungen beantwortet werden kann. Und daß "Militanz" nicht per se etwas "böses" und "fremdes" ist, das dem politischen oder nützlichen immer entgegengesetzt wäre... Es gilt, einen neuen, umfassenderen und selbstbestimmten Militanz- und Aktionsbegriff zu entwickeln, der sich weder der Repressionslogik noch der Trennungslinie der "Gewalt" unterordnet.

I believe that the only way to stay credible is to be as confrontational as appropriate17



5) Über globales Denken und lokales Handeln

Und um mal etwas runterkommen: Situation konkret in Luxemburg!


In Luxemburg gibt es durchaus Protagonisten dieser Bewegung. In den letzten Jahren fand zB. alljährlich die "Fête de la Résistance"18 statt, bei der Dutzende Organisationen aus dem Widerstand gegen den Neoliberalismus sich getroffen haben, Stände, Filme , Diskussionen, eigentlich ganz so wie mensch sich das vorstellt.

Daß das ganze von einigen Politprofis aus dem Umfeld von "Guernica/Attac/Monde Diplomatique" organisiert wird, daß die Preise absolut antisozial sind und für jene die nicht der schicken linksliberalen Elite angehören unerschwinglich (um mitzumachen ohne uns zu ruinieren mußten wir diverse "unorthodoxe" Methoden anwenden) , daß es kein veganes/vegetarisches Essen da gibt, daß die ganzen Diskussionen und Stände vor allem einer Selbstbestätigung dienen und absolut konsumfixiert sind, und der radikale, lebendige und eigentlich wesentliche Teil der Bewegung fast gänzlich fehlt...das alles hinterläßt dann doch einen recht seltsamen Eindruck. Ungefähr genauso seltsam wie der Fakt, daß andererseits diese Klientel immer dann gefehlt hat, wenn es galt, nicht nur zu reden. Seattle, Prag, Genua, Brüssel, München aber auch dazwischen..... Wo waren die ganzen "Etablierten" ? Wo wird der globale Anspruch hier konkret umgesetzt. Wo ist hier die Vernetzung von unten, die die Möglichkeit eröffnet Formen und Inhalte zu erarbeiten die eine radikale Perspektive bieten...??

Wenn es einen Ort gibt, wo eine gewisse Zuspitzung der Widersprüche wünschenswert und nützlich wäre, dann bei uns. Wer hier versucht den politischen Diskurs zu radikalisieren oder neuartige Konzepte von Organisation und Praxis zu propagieren, wurde bisher meist als gefährlicher oder bestenfalls "exotischer" Fremdkörper misstrauisch beäugt, und dann durch Ignorieren oder Ersticken irgendwie ruhig gestellt , denn die etablierte Linke hat sich schon größtenteils längst in ihrer bequemen Paralyse eingerichtet, in der Auseinandersetzung und Entwicklung nur noch rituell simuliert wird.

Es gibt Möglichkeiten und Anzeichen, daß die Auseinandersetzungen hier zu repolitisieren und zu radikalisieren sind. Viele neue Fragen warten darauf aufgeworfen zu werden, und viele neue Lösungen warten darauf ausgearbeitet zu werden. Wir sollten sie nicht wieder versäumen. Der Kampf geht weiter, uns obliegt es ob wir einen sinnvollen Beitrag leisten wollen.



Finito....




Die Revolution sagt:
ich war
ich bin
ich werde sein




1) Zitiert nach : "Texte und Materialien zur Geschichte der RAF", ID-Verlag Die EZLN gibt es seit fast 20 Jahre, 1994 übte sie den bewaffneten Aufstand. Sie kämpft von dem mexikanischen Bundesstaat Chiapas aus für eine Welt in der Freiheit, Würde und Demokratie möglich sind

2) Autonome l.u.p.u.s Gruppe :"Geschichte wird gemacht, es geht voran" in: "Lichterketten und andere Irrlichter", ID-Archiv 1994

3) Ich habe viel gegen ATTAC polemisiert in diesem Artikel.Betreibe ich damit nicht eigentlich eine ähnliche kontraproduktive Spaltung, wie die die ich ihnen vorwerfe? Ich glaube nicht. Im Gegensatz zu ihnen maße ich mir nicht an, zu sagen wer zur Bewegung gehören darf und wer nicht. Ich stelle nur fest, daß diese Bewegung tendenziell antikapitalistisch ist, und daß ATTAC das nicht unbedingt ist. Ebenso daß diese Bewegung in der Tradition derer steht, die "Für eine Welt der vielen Welten" kämpfen und keine halbherzigen erstickenden autoritäre Kaderorganisationen braucht! Wenn ATTAC davon redet "die Finanzmärkte nicht beeinträchtigen" [Brief an Gerhard Schröder] zu wollen, oder ihre Vize-Präsidentin über "ein Verhältniss gegenseitigen Vertrauens" fabuliert, das zwischen ATTAC und der Polizei in Göteborg bestanden haben soll bis die bösen Militanten kamen; spätestens ab dem Punkt frage ich mich was diese suspekten Umtriebe denn mit der Bewegung zu tun haben ??
Dabei gilt es aber unbedingt 3erlei ATTAC-Protagonisten zu unterscheiden. Einerseits ihre Kader und Führer, über die ich mich bereits zur Genüge ausgelassen habe.. Dann gibt es viele, die eigentlich andersweitig organisiert sind und die breiteren Möglichkeiten von ATTAC ausnutzen wollen. Diese werden sich, wenn ATTAC ihnen keine Möglichkeiten mehr bietet, zurückziehen. Dann gibt es noch die einfache ATTAC-Basis, die, zum Teil wenigstens, gutgläubig und, durchaus nicht so antiemanzipatorisch wie die Führung ist. Mit dieser Basis sollten wir keine Berührungsängste haben. Viele von denen sind eigentlich gar nicht so übel, und werden sich, im Zuge wie sich die Auseinandersetzungen entwickeln hoffentlich von den antidemokratischen Strukturen und halbherzigen Inhalten lossagen, die ihnen irgendwann keine Perspektive mehr zu bieten haben.
Siehe dazu auch zB. folgender französischer text darüber wie ATTAC interne Diskussionen behindert und eine Radikalisierung verhindern will: http://belgium.indymedia.org/front.php3?article_id=15799&group=webcast
Diese Basis besteht aber vor allem in Frankreich . In Luxemburg zB. hat ATTAC überhaupt keine Basis und besteht nur aus seinen Kadern. Ich bin auf keinen Fall für eine Spaltung der Bewegung zum jetzigen Zeitpunkt. Aber ATTAC&co muss etwas entgegengesetzt werden, und gewisse klarere Abgrenzungen sollten für die Zukunft nicht tabu bleiben.
Sehr viel Material, verschiedenste Texte und auch interessante Interna betreffend ATTAC, seine Politik und sein Umfeld gibt es dann auch noch hier : http://go.to/tobin-tax

4) Artikel "Summer of Resistance" in "Phase 2- Zeitschrift gegen die Realität", Ausgabe 02. Siehe auch "http://www.phase-zwei.org"

5) Tobin Tax, benannt nach dem Ökonom James Tobin, der mit ATTAC leider gar nichts zu tun haben will. Siehe auch : http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,154668,00.html

6) In Frankreich gibt es viele Abgeordnete und Politiker die eine Mitgliedskarte bei ATTAC besitzen. Bei dem FSM in Porto Alegre traute sich sogar die französische PS-Ministerin vorbeizuschauen. Glücklicherweise fing sie sich dafür eine Torte ins Gesicht ein.

7) PTB: "Parti du travail", "Partei der Arbeit" (Ex?)Stalinistische Partei, die zwar viel intensive Arbeit leistet, dabei aber populistisch und aufdringlich auftritt, auf Demos mit 5 Meter großen Marx-Porträts umherläuft, das Andenken an Che ausbeutet um Jünger zu rekrutieren und AnarchistInnen manchmal wohl am liebsten an die Wand stellen würde ;-)

8) aus dem sehr guten Text : "Globalisierungskritik, Genua, Gewalt.." , vom Arbeitsschwerpunkt Weltwirtschaft des Bundeskongress entwicklungspolitischer Aktionsgruppen (BUKO) (siehe : http://www.gipfelsturm.net/buko.htm)

9) Dabei ist zu beachten, daß ein Unterschied besteht zwischen dem Konzept der "Tute Bianche" (="Weisse Overalls") und den Gruppen die dieses Konzept angewendet haben! Den Tute Bianche wurde von einigen Seiten vorgeworfen, opportunistisch und medienfixiert zu sein. Das mag auf manche ihrer führenden Vertreter zT. zutreffen, solche die es ausgenutzt haben um nachher bei Wahlen mitzumachen oder mit dem Staat zu kollaborieren. Der Vorwurf hingegen, sie seien reformistisch, geht aber von einem etwas anachronistischen Revolutionsverständniss aus, wenngleich es stimmt dass sie klassische an die 70er jahre anmutende militante Positionen zugunsten eines gewissen "europäischen Neozapatismus" aufgegeben haben. Die Tute Bianche in Italien haben sich mittlerweile aufgelöst und sind nun Teil der "DISOBBEDIENTI"
siehe auch : http://www.tutebianche.org/ und http://www.yabasta.it/ und vor allem : http://arranca.nadir.org/artikel.php3?nr=22&id=99

10) Am 19 Oktober gab es eine "Manifête" gegen den informellen EU-Gipfel. Volksfeststimmung, Würstchenbuden und Disko mit grässlicher elektronischer Mukke , dazwischen tausende Menschen die in belustigter aber leider ziehmlich unkämpferischer Stimmung weit entfernt von der roten Zone im Dunkeln durch menschenleere Strassen zogen.

11) Auflösungserklärung der RAF, 1998, siehe : Siehe : http://www.xs4all.nl/~tank/radikal/155/92.html

12) "Subversiver Kampf in der Anti-AKW-Bewegung" und "Beethoven gegen McDonalds" in : "Die Früchte des Zornes", ID-Archiv, 1993 Gibts auch online : http://www.nadir.org/nadir/initiativ/id-verlag/

13) siehe Endnote 4

14) zitiert nach : "Der Indio Aufstand in Chiapas" von Gerold Schmidt , Knaur 1996

15) "Das Gewaltpotenzial in der Antiglobalisierungsbewegung", zu finden auf : http://beam.to/behubelni

16) "Anarchismus und Gewalt" , in "Tu was du willst – Anarchismus-Grundlagentexte zur Theorie und Praxis", AHDE-Verlag 1980

17) "Anarchist/Black Bloc Motivation Explained", siehe : http://www.destroyimf.org/news/blackblocdefenceJ22.html

18) siehe : http://www.guernica.lu .
Die Fête de la résistance, obwohl seit nunmehr 3 Jahren stattfindend, ist ohne jede grössere Auswirkung auf die politischen Diskurse und Entwicklung geblieben, sei es ausser oder innerhalb der Linken, geblieben. Trotzdem lohnt es sich natürlich, sie als Forum zu benutzen, aber viel mehr halt auch nicht...